DVD - Georg Schramm : Meister Yodas Ende (DVD)

Über die Zweckentfremdung der Demenz

Inhalt:

1. Opa sei friedlich, sonst kommst Du ins Heim
2. Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern"
3. Gastreferat "Deutsches Blutvergießen"
4. Über Kriegstraumen und die richtige Art zu sterben
5. Mit Zorn und Vernunftgegen Habgier und das Böse
6. Über soziale Unruhen - Ursachen und Bewältigung
7. Triebfedern auf der Zielgerade des Lebensweges
8. Die bunte Vielfalt des Protestes
9. Momente der Klarheit oder: Wie rette ich mich vor dem Verfall?
10. Fritz Teufel lebt!

Bonustracks:
- Soldantod. Eine Trauerede
- Koch und Kellner
- Sommerfest auf Schloss Bellevue

Gesamtlaufzeit: 120 Minuten
© 2012 fritz medienbüro


Über das Programm:

Lothar Dombrowski ist aus der Anstalt ausgebrochen. Es gilt eine Botschaft unter die Menschen zu bringen. Für tatenloses Grübeln ist der globale Niedergang schon zu weit fortgeschritten. Er geht auf Werbetour und sucht Mitstreiter unter Gleichgesinnten und Altersgenossen, die nicht mehr viel zu erwarten haben und die wie er, lieber im Blitzlicht der Öffentlichkeit scheitern, als gehorsam bis zum kläglichen Ende im Pflegeheim dahin dämmern.
Ein Satz aus Schillers "Wallensteins Tod" hat ihn aufbrechen lassen. Der letzte Satz, bevor Wallenstein sein Schwert gürtet und in die Schlacht zieht:
"Komm, lass die Sterne, Seni, der Morgen naht und Mars regiert die Stunde."

Ein bitter-komischer Abend, denn seit alters her bringt uns der Clown zum lachen, weil wir ihm bei seinem vorhersehbaren Sturz zusehen dürfen, ohne selbst zu fallen. Er ist der Dumme, und deshalb ist auch ein August dabei!

Möge die Macht mit ihm sein!


Pressestimmen:

Nie war Zorn so komisch wie bei Georg Schramm

HAMBURG. Der Name seiner Selbsthilfegruppe passt ihm gar nicht: "Altern heißt nicht trauern". Trauern? Lothar Dombrowski, renitenter Rentner par excellence, will nicht trauern, er will politisch etwas bewegen, im Kampf Arm gegen Reich ein Zeichen setzen. Nur, verdammt, welches?

Der Rentner Dombrowski ist die Paradefigur des Kabarettisten Georg Schramm, 61, der mit seinem neuen Programm jetzt im St.-Pauli-Theater gastiert. "Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz" zeigt Schramm, der zwölf Jahre als Psychologe in einer neurologischen Rehaklinik gearbeitet hat, in absoluter Bestform. Nie war Schramm bissiger, nie war er politischer, nie war er komischer.

Im Schlepptau Dombrowskis bringt Schramm seine anderen tragikomischen Helden auf die Bühne, den großsprecherischen Oberstleutnant Sanftleben und August, diesen verzweifelt-komischen Sozialdemokraten, der seine geliebte Frau aus dem Friedhofsgrab klauen lässt, um sie im heimischen Schrebergarten zu verscharren.

Schramm verfügt über glänzende schauspielerische Fähigkeiten, seine satirischen Spitzen sitzen - egal, ob er über "Politiker, die ihre intellektuellen Sprechblasen in Talkshows entleeren" wütet, über "bildungsferne Unterschichtsmännchen und junge Muselmännchen", über den Afghanistan-Krieg, das Böse an sich, Testosteron in der Steinzeit, Stuttgart 21. Nie reizte Zorn mehr zum Lachen.

Und irgendwann gegen Ende des dreistündigen Abends geht es auch um den "Star Wars"-Meister Yoda - und auch um Demenz. Kein lustiges Thema, gewiss. Wenn Schramm aber von Demenzkranken im Altenheim erzählt, die eine Einladung zum Memory-Turnier erhalten, dann ist das nur noch bitter. Und brüllend komisch. Durch das St.-Pauli-Theater wehte denn auch fortan ein "Hauch von Sportpalastatmosphäre", wie Schramm süffisant anmerkte. Im Publikum gab es da schon längst kein Halten mehr.

Dass alle fünf Abende mit Schramm ausverkauft sind, darf niemanden überraschen. Er ist der einsame Gipfel des deutschsprachigen Kabaretts.
Hamburger Abendblatt


Denkwürdig
Von Christoph Schütte

Mainz. Und dann, am Ende, nach gut zwei Stunden, wird es mit einem Mal ganz still im Mainzer unterhaus. Totenstill buchstäblich, so dass man des Nachbarn Luftanhalten hört. Dabei lag das Publikum gerade eben noch vor lauter Lachen unter seinen Sitzen. Etwa angesichts von Augusts, nun, nennen wir es Hobby, allmorgendlich in seinem Schrebergarten mit dem Luftgewehr auf die erste Seite der "Bild" zu feuern.

Von Lothar Dombrowski, Georg Schramms Paradefigur, einmal ganz zu schweigen. Denn selbstredend hat der renitente Rentner seine Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern" nicht gegründet, um über die heilsame Wirkung etwa von Haifischknorpeldragees zu debattieren. Vielmehr ist sein Anliegen vor allem politisch und moralisch motiviert. Und voller unheiligem Zorn.

"Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht", hat Schramm schließlich bei Papst Gregor dem Großen gelesen. Ein Motto, das er wie wohl niemand sonst unter den verbliebenen Polit-Kabarettisten zum Programm verdichtet nur, um Politik, Kirche und die Habgier als "Prinzip unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung" bloßzustellen auf eine Weise, die sprachlich wie schauspielerisch ihresgleichen sucht. Für sein siebtes Solo, "Meister Yodas Ende", mit dem er jetzt auf Tournee geht, braucht Schramm nichts als einen Garderobenständer, um auf offener Bühne von der Rolle des Frankfurter SPD-Stammtischlers August in die des Oberstleutnant Sanftleben zu wechseln, von dort zu Dombrowski und wieder zurück in Augusts Schrebergarten. Und immer zorniger zu werden.

Dabei sind Schramms bekannteste Figuren alles andere als Typen, sondern bis ins Detail ausgearbeitete Charaktere. An den Verhältnissen verzweifelnde Menschen freilich allesamt wie August, der seine SPD nicht mehr versteht, wie Sanftleben, der sich die Truppe schöntrinkt, und wie Dombrowski, dessen Erkenntnisse bisweilen radikal anmuten, es bei genauerer Betrachtung aber gar nicht sind. Er bringt nur auf den Punkt, was vor Jahren noch zum guten Ton gehörte nicht nur im Kabarett, bei Globalisierungskritikern oder radikalen Spinnern. Und heute als mindestens sozialromantisch, wo nicht als peinlich gilt: Dass nämlich "der Riss in diesem Land" noch immer "zwischen Arm und Reich" verläuft und nicht zwischen Alt und Jung, Deutschen und Nichtdeutschen.

Das sture, stolze, wütende Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten entspricht zwar immer schon Dombrowskis Wesen. Doch die Pointe Schramms ist ungleich subtilerer Natur. Und radikaler. Aufklärerischer. Wenn man so will: revolutionärer. Stellt doch Schramm sich wie dem Publikum die Frage nach den Konsequenzen, den Handlungsalternativen jedes Einzelnen in Anbetracht der diagnostizierten Lage. Und während August sich lustvoll für die Variante Widerstand und ziviler Ungehorsam entscheidet, ist es ausgerechnet Dombrowski, der resigniert. Und aus Angst vor Demenz, vor Pflegestufe drei und Altersheim zur Pillendose greift: "Wie viele könnte ich nehmen, bis Sie eingreifen?"

Das ist die Frage des Abends. Nach der Verfassung einer Gesellschaft, nach der Fähigkeit zur Empathie, nach der Humanität und was davon geblieben ist. Und nicht zuletzt die nach der Relevanz eines ganzen Genres, Kabarett. Was für ein Finale! Selten versank ein ausverkauftes Haus derart in Schweigen. Diese Stille ist Schramms bitterste, verstörendste Pointe. Und die Essenz dieses Programms. Mehr kann man von gutem Kabarett beim besten Willen nicht verlangen.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung